Folgenden Text habe ich zufällig auf Facebook entdeckt und fand ihn super geschrieben und in weiten Teilen sehr zutreffend. Man wird heutzutage sehr schnell in Schubladen gesteckt, ob man will oder nicht bzw. ob gerechtfertigt, oder nicht 🤷🏼♂️.
Link zum Original:
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Hier der Text:
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Hast du dich eigentlich schon mal gefragt, wie es ist, ein Mann zu sein? So für einen Tag? Diese Frage wird gern mit einem fertigen Bild gestellt, fast liebevoll vorbereitet wie ein Pappaufsteller: der Mann als stumpfsinniger Oger, der morgens aufsteht, sich selbst auf die Brust trommelt und dann den ganzen Tag macht, was er will. Laut, rücksichtslos, triebgesteuert, mit der emotionalen Tiefe eines Betonmischers und einer moralischen Reichweite bis höchstens zur eigenen Nasenspitze. Wenn du dieses Bild im Kopf hast, dann erst mal herzlichen Glückwunsch. Du hast soeben erfolgreich in deiner eigenen Schublade im Kopf Platz genommen. Bequem, geräumig, gut belüftet, aber eben trotzdem doch nur eine Schublade.
Ein Tag als Mann beginnt nämlich selten mit Weltherrschaft oder hemmungsloser Freiheit, sondern meist mit Verantwortung und der permanenten Erwartung, dass man bitte funktioniert. Am besten still, zuverlässig und ohne großes Drama. Gefühle sind prinzipiell erlaubt, aber bitte leise und allein. Freude geht irgendwie kurz klar, Wut wird toleriert, weil was will man von einem Oger auch erwarten, alles andere bitte diskret entsorgen, vorzugsweise nachts und ohne Tamtam, wenn es niemand sieht. Männer weinen nicht, Männer „reißen sich zusammen“, „Indianer kennt kein Schmerz“ und „du willst doch wohl kein Mädchen sein“. Und wenn sie anders funktionieren, dann hat die Gesellschaft mit ihnen ein Problem, beziehungsweise die Menschen, die dann so funktionieren, wie sie sollen, und entspannt vom moralischen Hochhaus hinabschauen.
Der angeblich grenzenlose Freiraum schrumpft dann erstaunlich schnell, sobald Nähe ins Spiel kommt. Ein fremdes Kind trösten? Würde ich nicht empfehlen. Zu lange gucken? Geiler Bock. Zu wenig gucken? Du liebst mich nicht mehr. Alleinsein mit Kindern, Freundlichkeit ohne Zeugen, Hilfsbereitschaft ohne Protokoll – all das bewegt sich für Männer schnell im Bereich des Erklärungsbedarfs. Der Mann ist nicht automatisch Täter, aber eben immer verdächtig. Ein Generalverdacht, gut verpackt als universale Vorsichtsmaßnahme. Man meint es ja nur gut.
Du weißt nicht, was ich meine? Setz dich mal im Sommer einfach auf eine Bank in der Nähe eines Kinderspielplatzes, allein, und schau einfach mal ein wenig zu lange den Kids beim Spielen zu. Oder sei doch mal freundlich zu irgendeiner Frau, am besten, wenn diese noch als gesellschaftlich attraktiv eingestuft wird. Du, mein Freund, hast immer einen Stempel auf der Stirn, egal wann und wo, bist du der Pedobär mit Wünschelrute in der Hose, ob das stimmt, interessiert keinen. Und wehe, jemand behauptet auch nur, dass du etwas getan hast, dann ist die Hexenjagd eröffnet.
Ich persönlich flirte überhaupt nicht mehr, und nett bin ich nur über eine gewisse Distanz, am besten dann auch so öffentlich, dass es alle anderen mitbekommen, damit kein Verdacht besteht. Kleidest du dich etwas auffälliger und farbenfroher, spielst du in der Liga vom anderen Ufer, automatisch, Popostecher Deluxe, stellt sich nur die Frage, ob du eher Fraktion Hinhalten oder den maskulinen Part übernimmst. Dass du es einfach etwas bunter magst, weil es dir gefällt, interessiert keine Sau, weil sonst könnte man dich nicht verurteilen.
Und während du also lernst, dich selbst zu verwalten wie ein potenzielles Risiko, merkst du langsam, dass dein Leben weniger aus Handlungen besteht als aus Vermeidungsstrategien. Nicht, weil du etwas willst, sondern weil du nichts falsch machen darfst. Du wirst zum eigenen Pressesprecher, zum Präventionsbeauftragten deiner Existenz. Jede Geste wird abgewogen, jeder Satz einmal innerlich gegengelesen, jede Nähe auf Sicherheitsabstand gebracht. Spontanität stirbt nicht mit einem Knall, sie wird leise aus dem Verkehr gezogen, weil sie zu viele Anschlussfragen erzeugt.
Und Gott bewahre, du bist alleinstehend, kinderlos oder einfach nur ein Mann, der nicht permanent von einer Frau begleitet wird wie von einer amtlich beglaubigten Unbedenklichkeitsbescheinigung. Dann bist du plötzlich kein Mensch mehr, sondern ein ungeklärter Sachverhalt. Einer, den man im Zweifel lieber beobachtet als anspricht. Männerfreundschaften gelten dann auch schnell als verdächtig, je nach Nähegrad entweder als emotionale Verwahrlosung oder als latent homoerotisches Geheimprojekt. Es gibt offenbar nichts, was ein Mann einfach nur sein kann, ohne dass jemand eine Theorie darüber bastelt.
(Mein Lieblingsabschnitt 🫶🏻):
Besonders charmant wird es, wenn man sich nicht aggressiv genug durchs Leben bewegt. Wenn man zuhört, statt zu dominieren. Wenn man deeskaliert, statt zu poltern. Dann bist du entweder schwach oder manipulativ, wahlweise beides. Stärke ist Pflicht, aber bitte die richtige Sorte. Eine, die niemanden einschüchtert, aber trotzdem Respekt einflößt. Eine, die präsent ist, aber nicht sichtbar. Im Grunde eine Stärke, die sich idealerweise selbst abschafft, damit sich niemand davon bedroht fühlt.
Und wenn du dann doch mal etwas sagst, etwas Kritisches, etwas Verletztes, etwas von Grund auf Menschliches, kommt zuverlässig der Hinweis, dass Männer ja nun wirklich genug Raum die letzten 100 000 Jahre hatten. Dass jetzt andere dran sind. Dass dein Einwand zwar gehört wurde, aber leider gerade nicht ins moralische Gesamtkonzept passt. Du darfst zuhören, nicken, lernen und dich irgendwie weiterentwickeln. Reden ist unerwünscht, optional, Zustimmung maximal obligatorisch, ansonsten bist du ein Fossil. Bitte keine andere Meinung.
Während man dir pauschal Macht unterstellt, wird dir gleichzeitig jede individuelle Perspektive abgesprochen. Du bist verantwortlich für Strukturen, die du nie gebaut hast, schuldig für Verhaltensweisen, die du nie gezeigt hast, und verdächtig aufgrund eines Geschlechts, das du dir nicht ausgesucht hast. Kollektivhaftung nennt man das sonst eher in sehr unschönen historischen Zusammenhängen, aber hier gilt es plötzlich als aufgeklärt. Dass man Männern ständig erklärt, sie müssten differenzierter denken, während man sie selbst auf ein erstaunlich simples Feindbild reduziert. Der Mann als Problem, als Gefahr, als Altlast. Praktisch, übersichtlich, moralisch sehr gut verwertbar. Und vor allem immer bequem, weil man sich dann nicht mehr mit dem Einzelnen beschäftigen muss und alle pauschal über einen Kamm schert.
Also nein, ein Tag als Mann ist kein Urlaub. Es ist eher ein Einführungskurs in vorsorgliche Selbstzensur, flankiert von dem ständigen Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen für Dinge, die man nicht getan hast, während man gleichzeitig für alles verantwortlich gemacht wird, was irgendwo schiefgelaufen ist. Wenn du danach noch glaubst, Männer hätten es grundsätzlich leicht, dann schau lieber noch einmal genauer hin.
Ich glaube, das können wir mal so stehen lassen, oder?
Gruß heute an meine männlichen Lesewesen im Besonderen.
Euer Tim.
#Mann #Frau #klischees
