Nichts ist schöner als Scheitern. Habt ihr es schon einmal ausprobiert? Wenn man mal erste Erfolge im Scheitern hat, kann man fast nicht genug davon bekommen.

Herr Rosa, aus Ihren Vorträgen und Büchern spricht eine tiefe Sorge um die seelische Verfassung des modernen westlichen Menschen. Was beunruhigt Sie?
Dass in unserer Gesellschaft offenbar fundamental etwas schiefläuft. Es geht darum, wie Menschen sich zum Leben stellen. Die Wut nimmt zu, sie richtet sich gegen andere, aber irgendwie auch gegen das Leben selbst, das uns scheinbar nicht mehr gibt, was wir uns von ihm versprochen haben. Aggression als Reaktion ist die eine Seite, psychische Krankheiten wie Burnout und Depressionen die andere.
Was quält uns aus Ihrer Sicht?
Ich habe dafür einen etwas sperrigen Begriff geprägt: Alltagsbewältigungs-Verzweiflungsmodus. Jeder kennt das: Von morgens bis abends begegnet uns die Welt als Aggressionsfläche, in der wir ständig Dinge bewältigen und bearbeiten müssen. Dies besorgen, das erledigen, den anrufen, das wegschaffen. Das Leben als einzige, ausufernde To-do-Liste. Das geht schon morgens im Bad los.
Inwiefern?
Ich sehe in den Spiegel und denke: Diese Falte müsste weg, der Bauch auch, das Haar sollte voller sein. Immer erhalte ich die Botschaft: Tu was.
Aber ich sende sie mir ja selbst.
Das ist es ja gerade. Der Optimierungswahn ist verinnerlicht. Diese gefühlten To-do-Listen schwellen in uns immer mehr an. Die Zahl der Dinge, die wir glauben tun zu müssen, wird so groß, dass wir sie gar nicht mehr bewältigen können, egal, wie sehr uns der technische Fortschritt scheinbar Zeit verschafft. Und das zwingt uns in eine Welthaltung, die ich als Aggressionsverhältnis bezeichne: Ich bin immer unzufrieden und frustriert.
Das ist, was der Soziologe Hartmut Rosa zu seinem Buch "Resonanz" sagt.
Erkennst Du etwas wieder? Interessiert es dich? Scheiterst Du gerne oder nicht? Ist scheitern für dich eine Niederlage, etwas was zu vermeiden ist?
